VORVORT
NIna
Pirnat-Spahic
Die
Andersartigkeit und eigenwillige Magie des Ausstellungsprojekts der
jungen Zagreber Künstlerin Izabela Simunovic, die zuerst die Paläontologen
und Anthropologen des Kroati-
schen naturgeschichtlichen Museums und später die Fachleute einiger
ausländischer Museen verzaubert hatte, waren die ausschlaggebenden
Auslöser für ihre Aufnahme in das Programm der Galerie des
Kultur- und Kongreßzentrums Cankarjev dorn, die Künstlern
am Beginn ihres Weges nur selten Gelegenheit bietet, ihre Arbeiten vorzustellen.
In der Begegnung mit dieser Ausstellung war, vor allem aufgrund ihres
breiteren anthropologischen Kontextes, im Nu die Idee geboren, sie im
ungewöhnlichen und gestalterisch herausfordernden Raum unserer
Galerie vorzustellen, wo ihre innere Geschichte auf neue und einzigartige
Weise ihren Ausdruck finden kann. Die Präsentation der graphischen
Blätter, in der alten Technik des Holzschnittes gedruckt auf ein
besonderes handgeschöpftes und - geheftetes Papier, das mit der
Originalität seiner natürlichen Struktur die Vorstellung von
unmittelbaren symbolischen Aufzeichnungen unterstreicht, hat ein ausgesprochen
bühnenbildnerisches Gepräge. Das kommt natürlich nicht
von ungefähr, denn die Bühnenbilderei gehört zu den wichtigen
Beschäftigungen Izabelas; die eigene Ausstellung szenisch zu durchdenken
stellt zweifellos eine anspruchsvolle, aber auch attraktive und aufregende
Aufgabe dar. Die Idee, ihre Holzschnitte in einen modernen Dialog mit
paläontologischem Material eintreten zu lassen, entwickelte und
verwirklichte sie gemeinsam mit Jakov Radovcic, dem führenden kroatischen
Paläoanthropologen und Paläontologen, der sich bereits seit
Jahrzehnten leidenschaftlich und erfolgreich mit der Freilegung der
Geheimnisse unserer fernen Vorfahren beschäftigt. Radovcic seinerseits
wurde durch Izabelas bil- dnerisches Opus zum Nachdenken über die
prähistorische Malerei angeregt, diese geheimni- svolle Quelle
menschlicher Kreativität, über lebendige und Lebensbilder,
über die Spuren der ältesten Kunstfertigkeit - die Anfänge
einer der grundlegenden Möglichkeiten, seinen Gedanken Ausdruck
zu verleihen. Das ist der Anknüpfungspunkt an das künstlerische
Schaffen der verschiedensten versprengten autochthonen Stä- mme,
den letzen Überresten der primitiven Phasen der menschlichen Entwicklung,
die nach ihrer Lebensart, ihren Sitten und Riten dem näher stehen,
woraus die gesamte Menschheit einst hervorging. Obwohl über Uranfänge,
die in ein mehrere Jahrtausende umfassendes Rätsel gehüllt
sind, wenig bekannt ist, basieren Die Horizonte der Anfänge und
das Archetypische im Werk der Künstlerin, im Sinne der Prototypen
symbolischer Ganzheiten bzw. uni katerihverseller (angeborener) psychischer
Struktu-ren, die das Wiederholen von ähnlichen oder zumin dest
""analogen ldeen ermöglichen die von Radovcic so treffend
bechrieben werden,liegen wahrcheinlich gerade in der Spontaneität
und Einfachheit ihrer Gestalten. Wir nehmen sie wahr und sie berühren
uns nach dem Prinzip des Archetyps, denn - wie schon Kant feststellt
- der Schematismus, mittels dessen wir die Erscheinungswelt wahrnehmen,
ist eine Fertig-keit, die so tief in der menschlichen Seele verborgen
liegt, daß schwer zu entscheiden ist, welchen Geheimtrick die
Natur dabei anwendet.
ln
Anbetracht dessen' daß ihre Holzschnitte auf eilner symbolischen
und zeichenhaften Sprache beruhen, könnte man sich hier des langen
und breiten über die Symbolik der Farben und der einzelnen Gestalten
auslassen, sowohl über den Dualismus als auch über das Absolutum
von Weiß und Schwarz, über das Rot als das Prinzip des Lebens
und das Gelb als Farbe der Jugend, aber auch der Ewigkeit, über
die zahlreichen Bedeutungen des Kreises, über die Urwüchsigkeit
und Kreativität des Stiers und schließlich über die
Tiere im allgemeinen, di unter anderem die tiefen Schichten des Unbewußten
und Triebhaften repräsentieren.
Und dennoch betitelt Izabela ihre Bilder ganz einfach - mit Farbennamen
(schwarz, schwarz; weiß, gelb, schvartz,usw.) ohne jegliche Komplikation
oder Mystifikation deshalb gilt es,die eigenen 'berlegungen über
bestimmte blindnerische (und andere) Phänomene sorgfältig
abzuwägen, denn häufig ist alles viel einfacher und elementarer,
als man meint, oder überhaupt ganz anders, als drehte und wendete
Janus sein Haupt.
Daher
scheint mir, daß die Kraft des Authentischen und Primären
in Izabelas bildnerischer Handschrift weniger auf irgendwelche Überlegungen
zurückzuführen sondern vielmehr Sache der Intuition und eines
beinahe unkontrollierten inneren Antriebs ist. und das fuhrt uns, ohne
es zu wollen, zurück zu Van Goghs interessanter Aussage über
seine Arbeit: Di Leute glauben, ich erfinde - das stimmt nicht-ich erinnere
mich".Vielleicht erinnert sich auch sie?
1Claude
Levy-Strauss bezeichnet in seinem Werk "Race et Histoire"
die Primitivvölker von heute auch als geschichtslose Volker, was
bedeutet, daß ihre Geschichte unbekannt ist und auch unbekannt
bleiben.
URBEGINNUMRISSE
UND ARCHETYPEN
Jakov Radovcic
Bei
der Betrachtung der graphischen Blätter von Izabela Simunovic erinnerte
ich mich auf Anhieb an all das.was ich bisher in den Jahren des langen
Kennenlernens und Erforschens von ältesten und spontansten Ursprüngen
der Menschlichkeit und des Menschseins gesehen hatte - in zahlreichen
Museen, in der Literatur wie auch auf arch-äologischen Lokalitäten...
Dem Freund gegenü-ber, mit dem ich gemeinsam Izabelas bildende
Kunst kennengelernt hatte, äußerte ich sehr subjektiv und
wohl daher auch mit verhaltener Stimme: "Das erinnert doch an jene
archetypische Malerei, an die Bilder der Steinzeit..." Der Archetyp
ist - belehren uns die Wörterbücher -ein mehrdeutiges Substantiv.
Damit werden Vorbilder oder Modelle benannt, wie auch jene im Original
nicht erhalten gebliebenen, jedoch zu rekonstruierenden Handschriften.
Das Wort kann aber ebenfalls den Erstabdruck oder ein Exemplar der Neuausgabe
bezeichnen, wie es auch eine viel umständlichere Weise des menschlichen
Tuns ausdrücken kann. In der Psychoanalyse ist der Archetyp ein
urwüchsig unterbewußtes gedanklic-hes, allen Menschen gemeinsames
Motiv. Und daher ist mit wahrscheinlich die Malerei von Izabela - wiewohl
eigenständig - kenntlich und vergleich-bar gewesen mit den Ansätzen
der künstlerischen Aussage beim urwüchsigen, vorgeschichtlichen
Menschen. Die Darstellungen ähnlicher Motive, die Linien, die Farben
... alles schien mir irgendwie ver-traut und ehemals erfahren worden
zu sein, doch da war zugleich jene unmittelbar empfundene Persönlichkeit
mit ihrer künstlerischen Innovation. Izabelas Graphik ähnelte
zuglecih der besagten urwüchsigen Fertigkeit, doch ebenfalls auch
der Kunst der nordamerikanischen Indianer, und dann wohl auch der Darstellungsart
der australischen Eingeborenen. Sie erinnerte mich an die Darbie-tungen
der afrikanischen Buschmänner und zahlre-icher anderer heutiger
Stämme des schwarzen Kontinents. Da fand ich Ähnlichkeiten
mit der neo-litischen Kunst, entstanden vor mehr als fünfta-usend
Jahren im Gestein sowie Sand der Sahara-Wüste. Es war das zu einer
Zeit, als dort saftige Weideplätze lagen und das heutige Wüstenmeer
nur ein Teil des allumfassenden zirkummediterra-nen vorsintflutmäßigen
Paradiesgar-tens war. Erste Erkenntnisse des Vorhandenseins einer vor-geschichtlichen
Kunst setzten in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in
Frankreich ein. Die damaligen Vorgeschichtsforscher fingen an, auf steinzeitlichen
Artefakten bildliche Darstell-ungen sowie dekorative Elemente als Besti-mmungszeichen
einzelner Gegenstände aus Stein oder Hörn zu unterscheiden.
Aus jenen Jahren dati-ert der Fall, daß ein neugieriger Spanier
- in der anmutigen Mittelmeerlandschaft von Santillana del Mär
umherstreifend - seinen Hund verloren hatte.
Der
Hund jagte einem Fuchs nach. Seinen Herrn wunderte es sehr, das Gekläff
des Hundes wie aus einem fernen Raum zu vernehmen. Bald aber begriff
er, daß der Liebling seiner Familie in eine Kluft hinabgestürzt
war. Das dort wachsende Gestrüpp entfernend, entdeckte er den Erintritt
zu einem unterirdischen Gang. So wurde Altamira ent-deckt. Siebzig Jahre
später hat ein anderer entlau-fener "treuester Begleiter des
Menschen" seinem Herrn Lascaux entdeckt. Seit der Entdecklung Altamiras
vergingen sechs Jahre, als eines Sommertages auf seinem Gut neben der
Grotte Herr Marcelino de Sautuola ankam. Da ihm die Landarbeiter über
die Entdeckung Altamiras berichteten, fing de Sautuola - zumal er großes
Interesse an der Vorgeschichte hatte ? mit Ausgrabungen von Grotteablagerungen
an, um mögliche vorgeschichtliche Artefakte aufzuspüren. Er
grub fast vier Jahre lang, und dann schreckte ihn an einem Sommertag
des Jahres 1879, während er im dunklen Grottengraben die Erde auf
etwaige Funde durchsuchte, der Aufschrei seines Töcht-erleins auf.
Das kleine Mädchen Maria lief ind der Grotte umher, und wo es Lichtabglanz
vernahm, erhob es den Blick und rief aus: "Papa, mira toros pintados!"
Zu Maria hinabeilend, richtete der Vater sein Lampenlicht dort, wo das
Mädchen mit dem Finger wies. Unter der schwachen Beleuchtung erblickte
er das Bild eines großen Bisons, dann ein zweites und noch eines...
Auf der unebenen Grottenfelswand waren sie alle in lebhaften Farben
gemalt, frisch und so rein, als hätte man sie erst vor kurzem vollendet.
Die erstgeschaffene Kunst entzündete sich im obe-ren Paläolithikum,
vor dreißig bis vierzig Tausend Jahren. Laut einigen Anthropologen
bezeichnet sie sogar die Ersche-inungsdaten unserer menschlichen Gattung
des denkenen Menschen, homo sapiens. Die Ersche-inung der Kunst im oberen
Paläolithikum bestimmte zugleich einen grundle-genden Umbruch in
der zivilisatorischen Entfaltung des künftigen Mens-chen. Ähnlich,
wie das einmal das Feuer war, dann die Sprache, galt auch die Kunsterscheinung
als eine zusätzliche Art der menschlichen Komuni-kation; eine solche,
die aus der Abstraktion der graphischen Symbole und Zeichnungen, der
Petrogl-yphen und Piktographen abgeleitet war. Die ferne, vorgeschichtliche
Kunst der Steinzeit entstand keineswegs aus dem Bedürfnis nach
Verschönerung der unmittelbaren menschlichen Umgebung heraus. Ihr
Ursprung entstammt dem Umkreis der Magischen, der religiösen Feste,
der Notwendigkeit der Mitteilung und dem Gebet nach Hilfe. Im Fortbestand
der menschlichen Gattung ist die Sorge um die Nachkommenschaft entscheidend,
aber auch die Ernährung als tägliches Überleben. Neben
solchen Existenzbejahungen besteht auch eine vage Hoffnung auf ein Leben
nach dem Tode. Das ist eigentlich eine Obsession des Einzelnen, die
ihren Keim gewiß außerhalb des menschlichen Lebens selbst
und dessen Zeichensetzungen hat. Diese Zeichen sind allerdings schwer
erkennbar und noch schwerer vorzeigbar.
In
ihren Anfängen entstand die Kunst der Steinzeit in Verstecken,
bei Eingängen zu unterirdischen Räumen, erst dann entfaltete
sie sich in größeren Tiefenlagen. Diese Änderung besagt,
daß die Beweggründe wie auch die künstlerische Arbeit
selbst keineswegs nur den Zweck in der Befrie- digung eines ästhetischen
Zwecks haben. Die künstlerischen Darstellungen befinden sich nicht
auf den Orten des menshclichen Alltags, vielmehr sind sie in den dunklen
Räumen der Höhlen ver- steckt. Wallfahrten zu diesen Plätzen
waren vermu-tlich rituelle Akte. Das alles deutet darauf hin, daß
das Bedürfnis nach künstlerischer Aussage ein menschlich übernatürliches
ist. Angeblich waren die Entstehungsorte der ursprünglichen Kunst
Hieligtümer. Die Bilder der oberpaläolitischen Kunst sind
reale Darstellungen von Tieren. Manchmal sind diese Tiere in Herden
gezeigt, ein andermal als Geflecht aus Geweih, woraus nur selten eine
einzelne Tierzeichnung erkennbar ist. Manche Tiere sind im trächtigen
Zustand festgehalten. Zur Bilderaus-führung gehören die Zeichnungen
von Tieren, gemacht als Gravuren oder durchs Übermalen. Die seicht
gravierten Konturen sind mit schwarzer Farbe ausgefüllt, während
der Körper rot oder gelb ausgemalt ist. Die Köpfe sind am
häufigsten geschwärzt. Zahlreiche Details paläleolithischer
Bilder weisen deutlich darauf hin, daß hinter dieser Kunst etwas
als die ästhetische Aussage des Einzelnen steht. Die Kunst der
älteren Steinzeit ist, nicht anders als die Kunst vieler Jagdstämme,
Nahrungssuchender und Nomaden, im Grunde "animalistisch".
Die vom ihm beobachtete Tierwelt wird vom Künsler im sti-lisierten
Ausdruck dargestellt. Die Tiere sind "im hohem Grad artistischer
Perfektion" gezeichnet; sie sind erkennbar, rein und deutlich in
Farbe und Form. Doch neben solchen Zeichnungen der Tierwelt hat der
vorgeschichtliche Künstler eine ganze Reihe eigener Botschaften
hinterlassen. Das sind Zeichen von abstrakten Formungen, die wir immer
noch nicht zu deuten vermögen. Es sind gewisse Zeichen der Künstler
selbst, oder es sind Ideographen, ferner Tektigraphen und ähnliches.
Vielleicht sind das Geheimzeichen, die zu ergr-ünden uns schwer
fällt. Könnte uns das durch irgendeine überirdische Macht
gelingen, würden wir vielleicht sogar die Seele dieses uralten
Schöpfres ergründen. Die Bezeichnung von vorgeschichtlichen
Artefakten und die künstlerische Darstellung im Höhleni-nneren
vor zehn, zwanzig oder dreißig Tausend Jahren sind nur scheinbar
unplanmäßig angeor-dnet. Die Anthropologen hatten bereits
auf gewisse Regelhaftigkeiten in der Erscheinung dekorativer Vorhaben
oder komplizierterer darstel-lender Zusamehänge hingewiesen. Auf
den Gegenständen von offensichtlich kurzer Anwe-ndungsdauer war
die Ausmalung von Zeich-en eher einfach. Anderer seits gab es Gegenstände,
deren menschliche Pflege längere Zeit in Anspruch nahm. Ihre Bezeichnung
fiel sorgsamer, mühevoller und lebensnäher aus. Einzelne Tierarten
werden, sche- int uns, auf besondere Art und Weise oder in eigentümlichen
Verflechtungen ausgemalt. So fin- den wir die Zeichnung des urgeschichtlichen
Bisons auf Steinplatten oder Höhenfelsen vor, wobei er fast niemals
auf eine andere Darstellungsweise auf- tritt. Die Darstellungen von
Pferden erfolgen so auf Geweihabsätzen, wobei auch einzelne Varianten
mit Verflechtungen von Tierfiguren in Erscheinung treten. Das Pferd
tritt in Relation zum Hirsch, aber auf den Gegenständen vermißt
man seine Beziehung zum Bison. Der Hirsch war das begehrte- ste Jagdtier,
er ist auf ausgehöhlten Steinen darge-stellt, doch wird er selten
mit polychromem Pigment gefärbt. Leroi-Gourhan, der bekannte französische
Anthropologe, deutete solche paläolitische Kunst als Wiederspiegelung
verw- ickelter Beziehungen, die entstanden und hervor-gegangen sind
aus einer langen Kette der mündlichen Überlieferung. Diese
Beziehungen ent-sprachen den Gesamterfahrungen, -kenntnissen, ? glauben,
-mythen und -geschichten. Die Erforscher der paläolitischen Kunst
kommen in einer Schlu-ßfolgerung überein: das Aufkommen von
Tieren und Zeichen auf den Höhlensteinen ist nich zufällig.
Permanent ist ein Geflecht aus Tieren und Zeichen an ein anderes gebunden
Pferde erscheinen neben Bisons; deren Darstellungen befinden sich in
den Mittellangen der unterirdischen Hallen. Es ist eben-fall aufgefallen,
daß die Darstellungen mit Men-schen und wilden Tieren gewöhnlich
in den unzugänglichen Teilen der unterirdischen Höhlen ausgeführt
sind. Als die Europäer die Kunst des vorgeschichtlichen Menschen
kennenlernten, erst in den ersten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts,
war von deren ästhetischen Ausgangspunkten "die Kunst"
längst verflossener Zeiten und ganz unge-kannten wie unbegreiflichen
Menschen schwer ergründbar. Die Ursachen davon lagen in der fast
naiven europäischen Bestimmung und Aukssageart ästhetischer
Werte. Die europäische Kunstdefin-ition gründete auf den hergebrachten
Schönheits-kriterien und menschlichen Gewohnheitsge-nüssen.
Heute, am Ende des 20. Jahrhunderts und im Anbruch eines neuen Jahrtausends,
finden wir es natürlich, daß ästhetische Werte eingetaucht
sind in der ganzheitlichen gesellschaftlichen, poli-tischen, wirtschaftlichen
sowie auch religiösen Bedeutung und Bestimmung des Lebens. Als
am Anfang des 20. Jahrhunderts die Grottenmalerei des vorgeschichtlichen
Menschen als seine authen-tische Kunst akzeptiert wurde, war das eine
Folge des Umstands, daß der abendländische Mensch den Kontext
des bildenden Kunstausdrucks der außereuropäischen Weltanschauungen
zu verste-hen begann. So entdeckten die Ethnologen beispielsweise den
Totemismus als eine Besonde-rheit, fast magischer Art, der Beziehung
zwischen Mensch und Tier. Das aber leitete zu den Über-legungen
über, wonach die "Kunst vom Ende der Steinzeit" bloß
ein Widerschein der magischen Glaubensinhalte ist, solcher, denen der
vorgeschich-tliche Mensch huldigte, um sich eine reichere Beute zu sichern.
Der französicheVorgeschicht- sforscher
Abbe Henri Breuil neigte zur Ansicht, daß der oberpaläolitische
Jäger wohl die Tiefen der unterir-dischen Räume aufgesucht
haben muß, um seine Jagdrituale zu steigern. Die Tiere wurden
rituell gemordet, bzw. durch Messer- und Wundenschr-affen versehen.
Die umliegenden undeutlichen Zeichen wurden gedeutet als Fallen oder
Netze, deren Anordnung wiederum für erfolgreiche Jagd hatten sollte.
Auf diese ritualisierte Weise haben die damaligen Menschen - nach Breuil
? sowohl den Jäger wie das Gejagte zu kontrollieren versucht. Solche
Riten standen zu Diensten der Einführung und Einweihung der Jugend
in die Gebräuche der Erwachsenenwelt. Auch heute noch, am Jahrhun-dertende,
existieren ähnliche Erwägungen über die beschriebenen
Kunstnsätze. Doch im Umlauf sind ebefalls die entgegengesetzten
Ansichten davon. An die fünfzehn Prozente der gezeichneten oder
jener eingravierten Tierdarstellungen tragen gra-phische Zeichen, die
gedeutet werden können als Einstiche oder als Wunden, doch .diese
Zeichen können ebensogut Symbole sein .deren wahre Bedeutung rätselhaft
bleiben muß. Es ist in neue-ster Zeit sogar darauf aufmerksam
gemacht worden, daß die Gesamtheit des bildenden Ausdrucks, welcher
der magie der Jagd zugeschrie-ben werden könnte, keineswegs dem
Verhältnis entspricht, das zwischen der Tierweit besteht und dem
Gejagten, welches den Menschen zur Ernährung diente. Während
so zum Beispiel der Hirsch das Jagdhaupttier der Stammesmitan-gehörigen
des vorgeschichtlichen Malers war, zeic-hnete dieser in den meisten
Fällen eher Pferde oder Rinder. Die Bedeutung dieser Zeichen und
Symbole war und ist immer noch ein Gegenstand diversester Auslegungen.
So lehnt Leroi-Gourhan die Deutung ab, wonach diese vorgeschichtliche
Zeichensetzung lediglich eine Darstellung des Dolches oder der Wunde
ist. Er mißt ihnen Bedeutungen bei, die aus den sexuellen Beziehungen
hervorgehen und deu-tet so darauf hin, daß die Kulturkosmologie
des oberen Paläolithikum ein Wiederschein der Autteilung in die
Männer- und Männlichkeitswelt, bzw. jene der Weiber oder der
Weiblichkeit sen könnte. Die männlichen Sinnzeichen und Tiere
sind jeweils gepaart mit weiblichen Sinnzeichen und Tieren. Sie befinden
sich in einem Zustand komplementärer Gegensätzuatzlichkeit.
Doch in seinen späteren Lebensjahren ließ Leroi-Gourhan vom
eigenen hypothetischen Modell zur Erklärung der erstzeitlichen
und ursprünglichen Kunst ab. Aber Naturwissenschaftler, insbesondere
die mit der Kunst des Paläolithikum befaßten Vorgesch-ichtsforscher
unter ihnen, versuchen auch weit-erhin, die abstrakten Sinnzeichen des
vorgeschich-tlichen Menschen glaubwürdig zu erklären. Denn
das bleibt eines der tiefsten Geheimnisse der Archäologie und der
Anthropologie. In neuerer Zeit hat John Pfeiffer, der Autor zahlre-icher
populärwissenschaftlicher Bücher über den vorgeschichtlichen
Menschen und Urmenschen seine Ansichten zur zusätzlichen Erklärung
der ural-ten Grottenmalerei dargelegt. Angesichts der Leroi-Gourhanscher
strukturalistischer Auffassung ist für Pfeiffer der Umstand wichtiger,
daß die Grotte als
eine Welt der Finsternis und des Schattenreichs nie gekannte Gefühle
im Menschen erweckt und eine andere Psyche auf den Plan ruft. Wenn wir
heute solche Plätze besuchen, gehen wir auf den elek- trisch beleuchteten
und sicheren Pfaden unserer Vorganger. Vor einigen zehntausend Jahren
waren die Erfahrungen und Kenntnisse der vorgeschich- tlichen Menschen
und Künstler ganz andere. Im schwachen und flackernden Talg- oder
Fackelnlicht der engen unterirdischen Irrgänge oder größeren
Hallen werden Gesichte und halluzinatorische Zustände häufig
gewesen sein. Die Tiere werden sich bewegt und geröchelt haben.
Furcht und ent- setzliche Spannung am Rande des Bewußtseins ?
und dann die Bilder eines in natürlicher Größe aus dem
Dunkel vorspringenden Bisons werden für äußerste Dramatik
gesorgt haben. In solchen Lagen wird jeder für Suggestion anfällig
gewesen sein. Pfeiffer folgert daraus, daß das Augenblicke gewesen
sein müssen, in denen die erhabensten Kulturerfahrungen auf die
Jüngeren übertragen wurden. Noch unlängst, 1988, haben
die amerikanischen Anthropologen David Lewis-Williams und Thomas Dowson
eine kühne Hypothese aufgestellt, die auf ihren ethno-archäologischen
Erforschungen und Kunsterscheinungen bei den südafrikanischen Buschmännern
gründet. Die piktographisch gezeic- hneten Bilder auf den Steinen,
welche die Lebensumgebung des Stammes San ausmachen, ähneln der
paläolithischen Kunst, sowie auch dem künstlerischen Ausdruck
anderer erstzeitlicher Stämme. In der Erforschung der Kunst wie
der Tierzeichen des San-Stammes haben die Wisse-nschaftler den Nachweis
erbracht, daß der Künstler bei der Arbeit im Zustand einer
selbstherovrgerufe-nen Trance gewesen sein muß. Die Angaben psychologischer
Nachforschungen deuten darauf hin, daß der infolge einer Trance
veränderte psychische Zustand durch halluzinogene und länger
dauernde Phasen depressiver Gefühlszustände bekundet wird.
In diesem Zustand produzieren das menschliche Gehirn und das menschliche
Auge gemeinsam eine eher recht kleine Zahl von mitei-nander verflochtenen
geometrischen Figuren. Diese Figuren oder Vorstellungen sind als entopische
Zeichen bekannt. Da sie ähnliche Zeichen bei Lascaux gesehn haben,
verbinden Lewis und Williams daher in ihrer Abhandlung, betitelt als
"Zeichen aller Zeiten: entopische Erscheinungen in der oberpaläolithischen
Kunst", 1988. die San-Kunst mit der vorgeschichtlichen europäischen
Kunst. Das deutet wiederum darauf hin, daß di paläolithische
Malerei in veränderten Bewußtse-inszuständen entstanden
ist, oder daß zumindest einzelne Bilder und tierzeichen mit der
künstle-rischen Hand eines diese Zustände durchmachen-den
Menschen gezeichnet sind. Wir wissen, daß die Ursprünge der
Religion in noch weiterer Vergangenheit zurückliegen. Die Menschwerdung
unseres Vorgängers und der Gedanke an die religiöse Herkunft
der Kunst finden zunehmende wissenschaftliche Belege. Das Transzendentale,
die Bemühung des Menschen nach Verwandlungen zum Ewigen, sowie
die Suche Iwigkeitsvisionen sind nur ein Glied in der teligionskette
vieler Kulturen. Die oberpalä->iithischen Menschen sind, nicht
anders als Menschen außerhalb unserer Zivilisationen, kompli-zierte
und feingegliederte Wesen wie wir auch. \uch wir sind gelegentlich in
der Lage, Verflech-:ungen von kosmologischen, magischen und sonsti-gen
funktionalen Konstellationen in nur einem iinnbild zu erleben. Ms ich
vor einigen Jahren endlich die Gelegenheit 'rhielt, die Größe
und die Herrlichkeit Lascaux' mit ?igenen Augen sehen zu können,
haben in dieser insteren Umwelt den größten Eindruck auf
mich jerade die Farben jener vorgeschichtlichen Kunst gemacht. In der
eigenen Vorstellung vom Dunkel ier menschlichen Vergangenheit war ich
erstaunt iurch das lebendige Kolorit dieser Malerei. Ich )ewunderte
die künstlerische Fähigkeit, in der Welt ier Finsternis so
luftige, reine und leuchtende '?arben zu finden. Gelb, rot, rot auf
gelb. Striche kla-en Ockers, schwarz auf weiß ? waren die Farbli-lien,
sich windend durch ungekannte Räume der interirdischen Felsen.
Kristallene Stalaktite und irechungen unseres Licht zogen uns in eine
Welt Ier Imagination hinein, und da durfte die Welt lufhören, die
wir als gewöhnliche Sterbliche icwohnen. ioll es uns wundern, wenn
die erstgeschaffene künstlerische Aussage manchmal jener der Kinder
ihnelt? Seit den Uranfängen der Kunst ist das linnbildliche des
Lebens gleichsam universal. iekanntlich ist es jeweils eigenständig
ausgeführt. \ber es erstreckt sich auf Menschen aller Continente
und es dauert tausendjährig. Diese 'eichen sind somit eine Art
gedanklichen Motivs, 'ine für alle erkennbare Zeichnung, schlicht
ein lamen, ein Keim, der hervorsprießt ungeachtet der 'eit und
des Raumes. Sie gehören gewiß zum Jnterbewußtsein unseres
mentalen Gefüges, unse-es Wesens und unserer menschlichen Bestimmung.
)as ist dann ein Archetyp, eine Ursprungsmatrize les gesamtgraphischen
Formens. Es wäre letzlich :u fragen, ob für mich Izabelas
Zeichnungen gedan-;lich einwandfrei, klar und ästhetisch annehmbar
ind, oder sind für mich angesichts unserer legenwärtigkeit
ihre Zeichnungen ästhetisch, weil ie nämlich wahrhaft unverfälscht
sind, oder aber ind sie für mich eine Art ideomorphes Signal, velches
sich mit meiner Spurensicherung iberschlägt? Varum befaßt
sich die Anthropologie mit der Erfassung der sg. ursprünglichen,
primitiven oder tesser gesagt Quellenkunst solcher uns entfernt ind
fremd liegender menschlicher Gruppen? einfach darum, weil diese Kunst
ein Teil des allge-neinen menschlichen Erbes und seiner Kultur ist.
>er Anthropologe betrachtet daher die Kunst in hrem kulturellen Umkreis,
während der Cunsthistoriker oder -kritiker von dieser Tätigkeit
les Menschen im Lichte ästhetischer Grundsätze ' pricht. Für
ihn scheint weniger interessant die Anwendung, bzw. der Ursprung der
Artefakte innerhalb der Kultur, der sie entsprungen sind. Bei jeder
umfassenden Kunsterforschung innerhalb einer Gruppe oder Gemeinschaft
sind die Kenntnisse von deren bezüglichen Kulturkreisen unbedingt
erforderlich. Für uns - mit unserem Ku- lturerbe des Abendlandes
- ist bei der Begeg-nung beispielsweise mit der fernöstlichen Kunst
diese all- zuoft unbegreiflich. Erst nachdem wir mit dem Kulturreichtum
und -erbe dieses Ostens vertraut gemacht worden sind, lernen wir diese
Kunst auf eine andere Weise schätzen. Und es ist ? umgekehrt ?
vergleichbar schwer, die großen Schauplätze der europäischen
Kunst zu ergründen, ohne umfassen- de Kenntnisse des Christentums
oder der Kirchen- geschichte zu besitzen. Je mehr wir uns, nämlich,
in der Zeit oder im Raum von der uns umgebenden Kultur entfernen, sind
uns die Grundkenntnisse anderer Kulturkreise um so erfoderlicher. In
der Erforschung der Quellenkunst des steinzeitlichen Menschen, oder
aber der Kunst der nordamerika- nischen Indianer oder der australischen
Eingebo- renen, muß ein Anthropologe die Relationen dieser Menschen
zur Kunst durchschauen, das Verhältnis zum Künstler, aber
auch dessen Lage innerhalb der bezüglichen Gemeinschaft. Wir versuchen
zu ergründen, was im Wesen der Motivation des Künstlers liegt,
und wer ihm bei seiner künstleri- schen Aussage beigestanden hat.
Schließlich ist noch zu fragen, wie künstlerische Hervorbringu-
ngen beim Kulturkreis derer Schöpfer verwendet werden. Die Unterschiede
in der Kategorisierung der künstlerischen Aussage, Leistung und
Fertigungsart der Handarbeit, sowie in der Unterscheidung der Artefakte
gehen aus dem historischen Zugang bei der Erforschung von hohen Zivilisationen
hervor. Kunsthistoriker, Ästhetiker und Philosophen unter-suchen
und analysieren bereits seit langem das schöpferische Verfahren
selbst, sowie die Kreati-vität des einzelnen Künstlers oder
der einzelnen Kunst. Es wird allzuoft vergessen, daß der Künstler,
insbesondere der bildende Künstler, seine Botschaft auf eine nur
ihm eigene Welse vorbringt. Meistens kann er sich in einem anderen Medium
auch gar nicht artikulieren. Wenn ein Maller seine Sendung in seinem
graphischen Zeichen vermittelt, wozu sollten wir von ihm eine Übersetzung
in das kom-munikative Sprachmedium verlangen? Unsere Kultur wird hauptsächlich
verbal vermittelt und übertragen, wobei die Tendenz besteht, alle
Formen der menschlichen Kommunikation auf Worte zu beschränken.
Warum sollten Bilder Titel tragen? Wieso ließen sie sich nicht
durch Farben kenntlich machen, z.B. als "Gelb auf schwarz",
"Rot und gelb" usw.? Wieso sollte sich im übrigen ein
Künstler, ein Dichter nicht unterscheiden sollen von anderen Menschen?
Das Leben mit einem Künstler, das unmittelbare Kennenlernen seines
Schaffens und die Wechsel-beziehungen zur Kultur der Gemeinschaft, der
er angehört, sowie das Verhältnis der Gesellschaft zu ihm:
beides weist gemeinsam auf Antworten in Richtung der gestellten Fragen
hin. Es ist unmö-glich, über einen Künstler zu sprechen,
ohne sein
gesamtes Leben zu kennen, sowie seinen künstlerische Auswahl, bzw.
Aussage. Das bezieht sich nicht allein auf den bildenden Künstler,
als viel- mehr auch auf den Erzähler, den Musiker, den Tänzer.
Jede Gemeinschaft schafft sich ihre Künstler, wie sie auch ihre
eigenen Beziehungen zum Künstler unterhält. Der Künstler
wiederum vollbringt seine Werke als Einzelner, der auch als Mitglied
einer Gemeinschaft füngiert. Das kann manchmal als Teil eines allgemeinen
Rituals ausse- hen, aber es ist eine Wiederspiegelung der geisti- gen
Gesamtlage einer Gruppe. In der Tat sind zwischen der weltältesten
bekann- ten bildenden Darstellung und der Malerei aus der Lascaux-Grotte
mehrere Jahrhunderte verflossen als zwischen der Entstehung der Lascaux-Kunst
und Picasso. Und wieso wird innerhalb all dieser Jahrtausende und auf
breitestem Raum die Aufmerksamkeit des Künstlers ausgerechnet auf
wieder die gleichen oder ähnlichen Motive gelenkt, warum werden
diese klaren Farben wiedergewählt und warum werden die durch vergleichbare
Symbolkräfte gebotenen Bilder wiederholt? Was muß vor einigen
zehntausend Jahren den Künstler des oberen Paläolithikum bewogen
haben, in der Finsternis tiefer Grotten, im Facke-lnlicht, auf unebenen
Steinplatten den Bison oder den Hirsch wieder und wieder zu zeichnen?
Warum zeichnet Izabela in unserer Zeit ihre Kühe und ande-re ihr
bekannte Tiere? Warum stellen wir ihre Werke ausgerechnet im naturhistorischen
Museum aus? Nach einer langen Abfolge von Kulturepochen, menschlichen
wie zivilisatorischen Entwicklungen, zur Generationszeit unserer Großväter
und ihrer Nächsten neigen wir am ehesten und häufigsten zu
jenen Kulturvertikalen, die entfernt liegen von menschlicher Urgeschichte
mit ihrer nicht zu unse-rer Zivilisation gehörenden Welt. Doch
die Anziehungskraft und die Faszination der Dunk-elheit, beispielsweise
der paläolitischen Kunst, ihrer Archetypen, bzw. der erstzeitlichen
oder Quellenkunst, führt uns zur Würdigung jener uns so fernliegenden
Ausgangspunkte. Das Vorha-ndensein der überwirklichen gedanklichen
Gefüge, sowie unsere ewige und fast tägliche menschliche Wiederkunft
und Hinwendung zu den Quellen, macht und die Archetypen der Steinzeitkunst,
der indianischen Petroglyphen und der buschm-ännischen Piktographen
so anziehend. Wenn wir deren und nicht nur deren Kunst entdecken, dann
erkennen wir vermutlich jene Wahrheit wieder, von der Teilhard der Chardin
meinte: ... was wir uns innerhalb unserer Ansätze, unserer Kindheit
wirklich offenbaren, offenbart sich uns als wesen-haftes, in unserer
Seelentiefe vorhandenes Vorhaben."
IZABELAS LIED DER SONNE
Als Gott zur grauen Urzeit Dinge schuf,
erstand
die Sonne;
sie
geht auf, geht unter und kommt wieder.
Er schuf den Mond,
der
geht auf, geht unter und kommt wieder.
Erschuf den Menschen:
der
kommt, verschwindet und kommt nicht wieder.
Dinka, der Sudan, Ostafrika, aus der Gedichtsammlung "Der Vogel
im Sonnenauge"
Zagreb, "Znanje", 1958
Sonne, Fluß, Baum, Rind. Zeichen, denen man begegnet. Manchmal
den gleichen - und doch auf ihre Weise anderen - begegnet man so Bäumen,
Wassern, Sonnen, Rindern in deren sternenförmigen Konstellationen.
Wiederzuerkennen nicht mit Augen, son- dern durchs Riechen und Hören.
(Sind es wirklich nur Zeichen?) Der Baum groß und blau. Der Baum
braun und klein. Das Rindviel rot und schwarz, für eine Weile stehengeblieben
neben dem gel- ben. Lauschen ... lang ... der Ewigkeit. Der stille Garten
Eden. getränkt durch Toleranz jener um ihre Allgegenwärtigkeit
wissenden menschlichen Wesen, unter dem ewig augehenden und untergehenden
Sonnenauge. Kindheitsarkadien: das vorer-kenntnismäßige Land
der Urväter. Das in etwa wäre die angedeutete Welt der holzschnittartigen
Piktogramme von Izabela Simunovic. Gleich Liedern von bezwing-ender
Einfachkeit ist dieses "Buch der gra-phischen Verse" Izabelas,
für welche sie ihre eigene Zeichenschrift erfand, schlichter in
ihrer Reinheit als jegliche verbale Beschr-eibung. Wir wollen nicht
der Frage nachgehen, woher Izabela, geboren und erwachsen in einer Großstadt,
diese Zeichen hat. Wichtiger zu wissen ist daß sie dazu durchs
Blättern in Monographien über die Grottenkunst nicht gekommen
ist, vielmehr schnitzte sie sorgfältig in Holz ihre einfac-hen,
biblischen und den menschlichen Wesen nahen Formen der Flora und der
Fauna. So las sie ihren stigmatisierten orbis pictus (wie der Botaniker
sein Herbarium) auf.
Durch
Zeichen-Bilder, Zeichen-Worte, Zeichen-Ideen hat sie aus ihrer Sammlung
im dichterischen Verfahren eines Geschäfts mit Träumen poetisch-bildende
Metaphern her- gestellt und uns versiegelte Erinnerun- gsbilder aus
der Kindheit der menschlichen Gattung aufgedrückt. Diese erstaunlichen
Bilder sind auf dem Asphalt entstanden, es sind eigentlich Matrizen
zahlreicher mythol-ogischer Muster von toten und lebenden Zivilisationen.
Die Graphik ist ihrem Wesen nach ein Gepräge, eine authentische
Farbenspur, aufgedrückt durch ihren Träger. Infolge der Komplexheit
einzelner graphischer Verfah-ren, infolge der ungezügelten Phantasie
und der Sensibilität ihres Schöpfers ist solches Graphisch-Primäres
in zeitgenössischen Druckschriften oft schwer auffindbar. Izabe-la
offenbart uns vielmehr auf prachtvolle Weise diesen graphischen Urbeginn,
ohne ohrenbetäubendes Trommeln des Künstlerego, ohne Sirenengesang
von technischer Virtosität, ohne semantischen, die Räson des
Werkes und die seines Beschauers einhüll-enden Nebel. Es ist eine
durchaus akademische Frage, in welchem Maß Izabela ihr Projekt
rational und vorsätzlich gestaltet hat: ob sie dabei die Spuren
archetypischer Träume auf dem Weg zum verlorenen Paradies verfolgt,
oder ob sie vielmehr ihrem intuitiven bildenden Reflex freien Lauf gelassen
hat. Alles ist deutlich auf diesen Blättern: schwarz, rot, gelb,
blau im Signum geschä-rften Hakens auf roh gepreßtem Papier.
Ihren unwiederstehlichen Scharm schöpfen Izabelas Piktographe aus
dem glücklichen Zusammenschluß des natürlichen Materials
und des natürlichen Verfahrens. Gerade wegen dieser Natürlichkeit
? rein wie Bergq-uell und nahrhaft wie Muttermilch - schen-ken wir leichten
Herzens Glauben diesen graphischen Bildern, entzückt von deren
gewinnender Schlichtheit.